Jede Woche gehen die Mitarbeiterinnen von Herzwerk auf Einsatz und besuchen Menschen in der Prostitution – auf dem Straßenstrich, in Bordellen und Laufhäusern. Sie hören zu, schenken Tee und Kaffee aus. Wo gewünscht, bieten wir Begleitung zum Arzt oder zu Behörden an. Aber warum überhaupt?
Prostitution hat verheerende Folgen – weltweit
Wer Herzwerk oder Berichte von Überlebenden der Prostitution kennt, wird eine schnelle Antwort auf diese Frage haben. Genügend Berichte zeigen auf, wie Betroffene in die Prostitution hineingeraten und wie es ihnen ergeht. Armut, die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit und Erfahrungen sexuellen Missbrauchs gehören zu Faktoren, die Menschen für Prostitution anfällig machen. Dort erleben sie ein „extremes Ausmaß an Gewalt, das in anderen Zusammenhängen niemals akzeptiert werden würde“, stellt die die UN-Sonderbotschafterin Reem Alsalem fest.
Die Folgen der Prostitution für die physische und psychische Gesundheit sind verheerend. Aus diesen Gründen will Herzwerk helfen – mit dem Resultat vieler ermutigender Einzelgeschichten von Frauen, die den Ausstieg geschafft haben. Doch es reicht nicht. Es reicht nie. Für jede Frau, die den Ausstieg schafft, wird eine neue junge Frau gebracht, um ihren Platz auszufüllen. Die Nachfrage besteht und die Hintermänner verdienen viel Geld. Was kann man da schon tun?
Sexarbeit ist Arbeit – oder?
Angesichts der obigen Feststellungen zeigt sich der Umgang mit Prostitution, den Länder wie Österreich und Deutschland gewählt haben, als Widerspruch: Prostitution ist legal und „Sexarbeiterinnen“ zahlen als Selbständige ihre Steuern. In den Medien ist von „Sexarbeit“ oder „Sexdienstleistungen“ die Rede. Vereine für „Sexarbeiterinnen“ bieten neben der Einstiegsberatung allerhöchstens „Beratung für den Berufswechsel“ an. Frauen, die ihren „Job“ augenscheinlich selbstbestimmt machen, präsentieren sich in Talk Shows. In Deutschland wurden sogar Bordellbetreiber im Fernsehen als saubere Geschäftsmänner gefeiert. Kurz gesagt: Prostitution wird als Arbeit normalisiert. Welche Konsequenzen hat ein solcher Umgang mit dem Thema? Den Frauen in der Prostitution wird vermittelt, dass das, was ihnen geschieht, in Ordnung ist. Männer sehen kein Problem darin, eine Frau für Sex zu „kaufen“ – und es stellt sich die Frage, welches Bild von Frauen dies bei ihnen hervorruft. Immer mehr junge Frauen glauben, als „Content Creator“ auf OnlyFans viel Geld mit vermeintlich „wenig Aufwand“ verdienen zu können. Die ohne Alterseinschränkung (jenseits des Klicks auf einen „Ich bin 18“-Button) frei über alle digitalen Geräte zugängliche Pornografie befeuert die Nachfrage bereits bei Kindern und Jugendlichen.
Was kann jeder und jede tun?
Wenn wir Frauen davor bewahren wollen, Gewalt und die Verletzung ihrer Würde in der Prostitution zu erleben, dann braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft. Dass dies möglich ist, zeigen uns Länder wie Schweden, Frankreich oder Kanada. In dem Glauben, dass die Normalisierung von Prostitution schädlich für eine gleichberechtigte Gesellschaft ist, verabschiedete Schweden bereits 1999 ein Gesetz, das den Sexkauf verbietet, Menschen in der Prostitution Hilfe ermöglicht und jungen Menschen lehrt, dass es nicht ok ist, jemand anderen für Sex zu kaufen. Das Gesetz genießt breite Unterstützung in der Bevölkerung. Angesichts der Beispiele für einen anderen Umgang mit dem Thema sollten wir uns die Frage stellen: In was für einer Gesellschaft möchten wir leben? Und wie können wir unsere Kinder schützen? Somit geht uns das Thema Prostitution alle etwas an. Und wir können alle etwas tun: Uns informieren – andere sensibilisieren – und das Wort erheben, wo der aktuelle Diskurs sich zeigt (z.B. mit einem Leserbrief, wenn das Bild von Prostitution in den Medien romantisiert wurde).
-Caroline ist freiberufliche MA bei Herzwerk im Bereich Forschung und Politik
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