Bei Herzwerk verfolgen wir im Rahmen unserer sozialarbeiterischen Angebote einen ganzheitlichen Ansatz. Die in Wien geborene Sozialpionierin Bertha Pappenheim hat die ganzheitliche Sichtweise - auch von Herzwerk - geprägt.
Was bedeutet Ganzheitlichkeit?
Begegnungsorte wie der TreffPunkt bringen soziale Kontakte, Gemeinschaft und alltägliche Freuden in das Leben unserer KlientInnen. Das BegleiterInnen-Programm unterstützt dabei, gesunde und tragfähige Beziehungen aufzubauen sowie gesellschaftliche Teilhabe erfahrbar zu machen.
Sozialarbeit bedeutet für uns weit mehr als die Begleitung zu Behörden, Orientierungshilfe oder die Unterstützung bei der Jobsuche. Im Mittelpunkt steht eine traumasensible Begleitung, die sich am individuellen Tempo der Klientin orientiert und heilsame Schritte in Richtung psychischer, physischer und seelischer Gesundheit ermöglicht.
Eine Frau schreibt Geschichte
Eine bedeutende Vorreiterin dieses ganzheitlichen Verständnisses von Sozialarbeit war die in Wien geborene Bertha Pappenheim. Bereits vor über 100 Jahren setzte sie sich für einen würdevollen und wertschätzenden Umgang mit Frauen in der Prostitution sowie mit Betroffenen sexueller Ausbeutung ein.
Unter dem Pseudonym “Anna O.” beeinflusste sie den beruflichen Lebensweg einer ehemaligen Sozialarbeiterin, die viele Jahre bei Herzwerk tätig war. Diese machte ein Sozialarbeitspraktikum in Leipzig in einer Straßeneinsatz-Gruppe namens “Anna O.” und kam dadurch in Berührung mit Menschen in der Prostitution.
Was war es, dass “Anna O.”, so besonders machte, sodass sie Generationen von SozialarbeiterInnen Jahrzehnte nach ihr und bis heute beeinflusste?
Sie erkannte früh die Bedeutung von Lebensgeschichten, sozialen Umständen und psychischen Belastungen von Menschen in der Prostitution:
„Wenn wir ihren Lebenslauf kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden, dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann.“
Wer ist Bertha Pappenheim?
Pappenheim wurde am 27. Februar 1859 in Wien als Tochter wohlhabender jüdischer Eltern geboren und wuchs in der Leopoldstadt auf. Die sozialen Gegensätze, die sie dort erlebte, könnten ihren späteren Einsatz für benachteiligte jüdische Mädchen und Frauen geprägt haben. Als Frauenrechtlerin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Sozialarbeiterin kämpfte sie ihr Leben lang gegen Mädchenhandel und für die Rechte von Frauen, insbesondere von Frauen in der Prostitution.
Nach der jahrelangen Pflege ihres Vaters erkrankte sie an Depressionen, Angstzuständen und Halluzinationen. Von 1880 bis 1882 wurde sie von Josef Breuer behandelt. Ihr Fall ging als „Anna O.“ in die Medizingeschichte ein und diente Breuer und Sigmund Freud als Grundlage der Studien über Hysterie (1895), einem wichtigen Ausgangspunkt der Psychoanalyse. Zudem lieferte sie entscheidende Impulse für die Entwicklung der Gesprächstherapie, auch wenn das später in Vergessenheit geraten sollte.
1888 zog sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt und begann ihre schriftstellerische und sozialarbeiterische Arbeit. 1902 nahm sie an der ersten deutschen Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels teil, 1904 wurde sie erste Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes. In den folgenden zwei Jahrzehnten setzte sie sich für Frauenrechte und soziale Reformen ein und förderte die Gründung zahlreicher sozialer Einrichtungen.
Ihr Lebenswerk und Einfluss bis heute
1907 eröffnete sie in Neu-Isenburg (Deutschland) ein Heim für unverheiratete Mütter, junge Prostituierte und deren Kinder. Ziel war es, ausgegrenzten Frauen neue Perspektiven zu eröffnen. Ihr sozialarbeiterischer Ansatz war ganzheitlich und umfasste neben sozialer Unterstützung auch medizinische, psychiatrische sowie kulturelle Angebote.
Trotz gesundheitlicher Probleme blieb Pappenheim bis zuletzt engagiert. Kurz vor ihrem Tod wurde sie nach kritischen Äußerungen einer ihrer Heimbewohnerinnen über Adolf Hitler von der Staatspolizei verhört. Das Heim konnte zunächst weitergeführt werden, wurde jedoch während der Reichspogromnacht 1938 verwüstet und in Brand gesetzt. Dies erlebte sie jedoch nicht mehr: Bertha Pappenheim starb bereits am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg an Krebs.
Bis zu ihrem Tod setzte sie sich für Menschen am Rand der Gesellschaft ein. Ihr Engagement veränderte nachhaltig die Wahrnehmung von Frauen in der Prostitution und prägte die Entwicklung moderner Sozialarbeit.
-Karin ist MA bei Herzwerk im Bereich Office- und Content Management
Quellenverzeichnis:
FMT – Schutz der Frauen und Mädchen : das Problem in allen Zeiten und Ländern
Pappenheim, Bertha | Frauen in Bewegung 1848–1938
Geschichte der Juden in der Wiener Leopoldstadt | AustriaWiki im Austria-Forum
Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim | Stadt Neu-Isenburg
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